Johann Heinrich von Thünen

Johann Heinrich von Thünen (* 24. Juni 1783 in Canarienhausen, Wangerland; † 22. September 1850 in Tellow) war ein deutscher Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und Musterlandwirt. Er vereinte theoretische Kenntnisse der Mathematik mit praktischen Erfahrungen aus seinem landwirtschaftlichen Musterbetrieb.

Er kann zur klassischen Ökonomie gezählt werden, ist aber auch ein früher Autor der Wirtschaftsgeographie. Leben Thünens Gutshaus in Tellow (heute Ortsteil von Warnkenhagen) Thünens Grab in Prebberede-BelitzJohann Heinrich von Thünen wurde als Sohn des Gutsbesitzers Edo Christian von Thünen (1760–1786) und dessen Frau Anna Margaretha Catharina Trendtel (* 1765), Buchhändlertochter aus Jever, geboren.

Aufgewachsen in Hooksiel und Jever, absolvierte Thünen von 1799 bis 1803 eine landwirtschaftliche Ausbildung u. a. bei Lucas Andreas Staudinger in Groß Flottbek bei Hamburg und bei Albrecht Daniel Thaer in Celle. Im Anschluss studierte er zwei Semester an der Universität Göttingen.1806 heiratete Thünen die Bürgermeister- und Gutsbesitzertochter Helena Sophia (Johanna) Berlin (* 21. März 1785 in Friedland in Mecklenburg-Strelitz; † 19. Januar 1845 in Tellow) und pachtete das Gut Rubkow bei Anklam, Vorpommern.

1809 erwarb er das 465 ha große Gut Tellow bei Teterow, Mecklenburg. Neben der Bewirtschaftung seines Betriebes beschäftigte sich Thünen mit Fragen der Bodenfruchtbarkeit („Bodenstatik“) und der Entstehung der Getreidepreise. 1818 wurde Thünen als ordentliches Mitglied in den Mecklenburgischen Patriotischen Verein aufgenommen und war 1818–1820 Direktor von dessen Teterower Distrikt.

Seine Erkenntnisse veröffentlichte er 1826 in dem Buch „Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirthschaft und Nationalökonomie, oder Untersuchungen über den Einfluss, den die Getreidepreise, der Reichthum des Bodens und die Abgaben auf den Ackerbau ausüben“ bei Friedrich Perthes in Hamburg. 1830 wurde ihm auf Grund seiner wissenschaftlichen Verdienste die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock verliehen. 1836-38 war er zweiter Hauptdirektor des Mecklenburgischen Patriotischen Vereins.

1842 erschien die zweite, vermehrte und verbesserte Auflage des „Isolierten Staates“ bei Leopold in Rostock. 1844 wurde er Mitglied der Mecklenburgischen Naturforschenden Gesellschaft zu Rostock, 1848 wurde er zum Ehrenmitglied des Mecklenburgischen Patriotischen Vereins ernannt. Unter dem Eindruck der Ereignisse des Frühjahrs 1848 trat im April Thünens lange geplantes Gewinnbeteiligungsmodell für die Tellower Arbeiter in Kraft. Es nahm einige Punkte der späteren Sozialversicherung vorweg. Im Juni wurde er Ehrenbürger der Stadt Teterow. Ebenfalls 1848 wurde Thünen als Ersatzmann für den Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung Johann Pogge gewählt. Er konnte die Reise jedoch nicht antreten.

1850 veröffentlichte Thünen den zweiten Teil des „Isolierten Staates“, in dem er der Frage nach dem „natürlichen Arbeitslohn“ nachgeht. Aus diesem Werk stammt die von ihm dafür gefundene Formel  ( =Lohn  = notwendige Lebensunterhalt der Arbeiter  = Wert der Arbeit der Erzeugnisse), die lange kontrovers diskutiert wurde und heute als überholt gilt. Die Definition für den natürlichen Arbeitslohn  schmückt heute seinen Grabstein in Prebberede-Belitz bei Teterow, Mecklenburg.

Pionierleistungen

Zu Johann Heinrich von Thünens Pionierleistungen auf verschiedenen Wissenschaftsgebieten gehören unter anderem die Entwicklung von land- und forstwirtschaftlichen Produktions-, Standort- und Raumstrukturtheorien mit entsprechenden Impulsen für die Wirtschaftsgeographie und Regionalwissenschaft und die Begründung der Landwirtschaftlichen Betriebslehre in Deutschland, sowie wegweisende Untersuchungen und praktische Vorschläge zum Agrarkredit (Taxation und Finanzintermeditation).

Zudem entwarf er eine systematische Erklärung der Höhe von Löhnen, Zinsen und Bodenrenten sowie Verteilung dieser Einkommen in einer Volkswirtschaft (Grenzproduktivitätstheorie) und eine Ableitung von Grundprinzipien für eine optimale Forstwirtschaft, womit er allgemeingültige kapitaltheoretische Ansätze vorwegnahm. Er baute die Methode der isolierenden Abstraktion (Modell des „Isolierten Staates“ vgl. ceteris paribus) aus und wendete die Differentialrechnung bei der Lösung ökonomischer Optimierungsprobleme (Marginalprinzip) an. Außerdem führte er praxisorientierte und empirisch-statisch fundierte Agrar- und Wirtschaftsstudien (Ökonometrie) durch.

Siehe auch

Johann Heinrich von Thünen-Institut

Quellen

• Nachlass: Thünen-Archiv im Universitätsarchiv Rostock, Familien-Thünen-Archiv im Archiv der Universität Hohenheim, Thünen-Museum Tellow

• Nachlass der Familie Thünen im NLA – Staatsarchiv Oldenburg Erw 110 (2)

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf: